Forschung

Um der weit verbreiteten Gleichsetzung von jüdischer Geschichte mit passiver Verfolgungsgeschichte entgegenzuwirken, lagen und liegen die Forschungsschwerpunkte des IGdJ auf der historischen Rekonstruktion deutsch-jüdischer Existenz von der Frühen Neuzeit bis zur Nachkriegszeit bzw. den Anfängen der Bundesrepublik. Jüdische Geschichte ist immer auch, aber bei weitem nicht ausschließlich, eine Geschichte der Marginalisierungen. Ebenso zeigt sie die gelungenen oder misslungenen Versuche, diese Marginalisierungen zu überwinden und ein Teil von vielen Teilen der Gesellschaft zu werden. Die Geschichte der Juden, wie sie am IGdJ erforscht wird und auch künftig werden soll, ist immer eine Beziehungsgeschichte des Verhältnisses von Juden und Nichtjuden, auch in der Zeit des Nationalsozialismus.

Arbeiten zur jüdischen Geschichte haben sich lange mit den Fragen von „innen“ und „außen“ beschäftigt – also der Frage, wie die jüdische Gemeinschaft mit der nicht-jüdischen Umgebung umgegangen ist. Die Historiker untersuchten die jüdische Bevölkerung im Verhältnis zu ihrer Umwelt. Problematisch an diesem Ansatz ist, dass er einerseits vom Narrativ der Ausgrenzungsgeschichte geprägt ist und zugleich von schematischen und vermeintlich homogenen Entitäten ausgeht, also von homogener jüdischer Gemeinschaft auf der einen und homogenem nichtjüdischen Umfeld auf der anderen Seite. Jüdische Geschichte ausschließlich als Minderheitengeschichte zu schreiben, brächte das Problem mit sich, eine klar umrissene Mehrheitsgeschichte anzunehmen.

Die im Institutsumfeld entstehenden und noch zu entwickelnden Forschungen hingegen nehmen die Vielfalt und auch Widersprüchlichkeiten jüdischer Geschichte selbst in den Blick. Sie bemühen sich, die innerjüdische Diversität und die unterschiedlichen Zugehörigkeiten zu beschreiben, die sich nicht auf das Dasein als „Verfolgte“, „Unterdrückte“, „Marginalisierte“ beschränken lassen.

Gerade deshalb soll als ein künftiger Forschungsschwerpunkt der Institutsarbeit die jüdische Geschichte der NS-Zeit akzentuiert werden, diedas Augenmerk genau auf die eben benannte Vielschichtigkeit jüdischer Existenz auch und gerade in Zeiten von Verfolgung richtet. Zu denken ist hier beispielsweise an Forschungen zur Situation ausländischer und staatenloser Juden und ihrer Beziehung zu deutschen Juden während des Nationalsozialismus. Das derzeit laufende Provenienzforschungsprojekt „NS-Raubgut in der Bibliothek des IGdJ“ (siehe Anlage 3.3. Wissenschaftliche Projekte) fügt sich hier ebenfalls ein und verbindet gleichsam Geschichte mit Nachgeschichte der NS-Zeit. Ähnlich sind die biographischen Forschungen zum Stolpersteinprojekt einzuordnen.

Die Wiederbelebung jüdischen Lebens im Hier und Jetzt geht mit einer spezifischen Form der Nischenbildung einher: Indem die jüdische Geschichte einen herausgehobenen Platz in der allgemeinen Geschichte einnahm, verschwand sie auch zunehmend in einem jüdischen Separée. Dies äußerte sich augenfällig in der Diskussion um die Gründung eines eigenständigen, aus der Stadtgeschichte ausgegliederten jüdischen Museums in Berlin seit den 1990er Jahren. Ähnliche Diskussionsprozesse fanden in Hamburg oder Warschau statt. Als Reflex auf die nunmehr vielfach beklagte „Ghettoisierung“ der Juden in der Geschichtsschreibung ist es inzwischen fast üblich geworden, auf den „allgemeinen“ oder auch „paradigmatischen“ Charakter der jüdischen Geschichte zu verweisen und damit verbunden die Einbettung der jüdischen Geschichte in die allgemeine Geschichte zu fordern. Oder, anders formuliert: Wenn wir davon ausgehen, dass die allgemeine Geschichte nur verständlich wird, wenn wir die jüdische Geschichte als einen ihrer wesentlichen Teile begreifen, dann sollten die Einflüsse hier konsequent in ihrer Wechselwirkung betrachtet werden. Die Schlussfolgerung lautet, dass über die jüdische Geschichte als allgemeine Geschichte geschrieben werden solle – ohne dabei die Spezifika der jüdischen Geschichte aus den Augen zu verlieren.

Zentrales Movens der jüdischen Geschichte – im buchstäblichen Sinne – ist die unablässige Bewegung: Sowohl im räumlichen Sinne von Migration als auch von der alltäglichen – kommunikativen – Bewegung zwischen den „Kulturen“; zwischen der eigenen, jüdischen Kultur und der jeweils hegemonialen, christlich oder muslimischen Kultur. Jüdische Geschichte ist transnational und ubiquitär. Insofern liegt es nahe, jüdische Geschichte, wenn künftige Forschungsprojekte konzipiert werden, nicht nur im beschränkten Kontext der deutschen Geschichte zu betrachten, wie es bei der Geschichte der sephardischen Juden schon längst üblich ist.

Die Tatsache, dass sich zum Beispiel die historische Migrationsforschung ebenfalls in der jüdischen Geschichtsschreibung beheimateter Begriffe bedient wie denen der Akkulturation und Assimilation, regt obendrein dazu an, sich künftig disziplinär, theoretisch und methodisch stärker zu öffnen – dies könnte und sollte Teil der Agenda „Jüdische Geschichte als allgemeine Geschichte“ sein. Es ist überraschend, wie lange die deutsch-jüdische Geschichte und die Migrationsforschung weitgehend getrennte Forschungswege beschritten haben, ist doch gerade die jüdische Geschichte ein Musterbeispiel für die Permanenz des Phänomens Migration in der Menschheitsgeschichte. Einzig die Exil-Forschung bildet hier bisher eine klare Ausnahme. Deren vor allem literaturwissenschaftlichen und biographischen Annäherungen an das Thema sollen dabei mit einem historischen Zugriff verbunden werden.

Ein zukünftig weiter auszubauender Forschungsschwerpunkt des Instituts liegt somit in einer jüdischen Migrationsgeschichte, die sich zugleich in die Geschichte transnationaler Beziehungen und internationaler Politik einfügt. Denn es waren häufig jüdische Akteure, die im 20. Jahrhundert den Diskurs beispielsweise um die Ausformulierung von Menschenrechten maßgeblich prägten. Hamburg als internationale Hafen- und Handelsstadt bietet dafür eine geeignete Ausgangsposition. Um mit einem Forschungsprogramm zur deutsch-jüdischen Geschichte auf der Höhe der Zeit zu bleiben, ist somit eine mehrfache Grenzüberschreitung notwendig: Es gilt den geographischen Blick zu erweitern, und, damit einhergehend, auch zeitliche Zäsuren zu überdenken.

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt des IGdJ, der künftig weiterverfolgt werden soll, liegt in der Beschäftigung mit Erinnerungsorten und dem „jüdischen Erbe“ Hamburgs gleichermaßen. Sowohl Lern- als auch Erinnerungsorte, die sich mit jüdischer Geschichte und Kultur befassen, sind heute oft angesiedelt zwischen einerseits Romantisierung / Verklärung / Nostalgie, zugleich sind sie geprägt vom Aufarbeitungsbedürfnis oder der Suche nach einem Vermächtnis der verlorenen Judenheit(en). Solchen Bestrebungen liegt eine identitätspolitisch motivierte Suche zugrunde. Die verschiedenen Formen der Suche nach dem jüdischen Erbe bewegen sich zuweilen in einem Spannungsfeld aus Verfolgungsnarrativ und Verklärungsdiskurs. Beide Tendenzen sollten die Forschungen des IGdJ untersuchen und ihnen so entgegenwirken. Zudem sollen sich auch künftig die Arbeiten im IGdJ bemühen, Überreste jüdischen Erbes der Stadt Hamburg ins öffentliche Bewusstsein zu rücken – so etwa im Falle der Vielzahl an jüdischen Friedhöfen.