Graphic Recording der IGdJ-Jubiläumskonferenz
Forschung und Vermittlung im graphischen Medium sind am Institut für die Geschichte der Juden (IGdJ) fest etabliert. Text-Bild-Formate wie z.B. Comics sind besonders geeignet, um jüdisch-nichtjüdischen Beziehungsgeschichten in all ihrer Spannung und Komplexität auszudrücken. Da gezeichnete Geschichte den wissenschaftlichen Diskurs auf besondere Weise bereichert, wurde die IGdJ-Jubiläumskonferenz „Deutsch-jüdische Geschichte in neuen Kontexten“ durch ein Graphic Recording begleitet. Die von Anne Lehmann angefertigten Zeichnungen der einzelnen Sektionen bringen zentrale Inhalte aus Vorträgen und Diskussionen visuell auf den Punkt und regen so auch neue Auseinandersetzungen an.
Die Sektion „Rechtsgeschichte und Holocaust-Forschung. Jüdische Perspektiven, Repräsentationen und Interventionen“ diskutierte Initiativen, die auf jüdische Repräsentation im Rechtsraum und Anerkennung spezifischer Verfolgungserfahrungen drängten. Thema waren außerdem die Neuaushandlung völkerrechtlicher Standards zur Behandlung von Zivilpersonen im Krieg angesichts einer beispiellosen jüdischen Flüchtlingskrise, Rechtspositionen deutsch-jüdischer Juristen sowie der hohe Stellenwert jüdischer Zeuginnen und Zeugen in frühen bundesdeutschen Holocaustprozessen und die Frage der Restitution von Grundeigentum der jüdischen Gemeinden im Spannungsfeld zwischen den Interessen der Überlebenden, der Alliierten und der westdeutschen Nachkriegsverwaltung.
Jüdische Gegenwart bestimmt seit einigen Jahren einen öffentlich und politisch geführten Diskurs, in dem der Begriff der Gegenwart abgrenzend gegenüber einer Perspektive ins Feld geführt wird, die sich forschend der Vergangenheit und damit der Geschichte zuwendet. Die Sektion „Fragen an die deutsch-jüdische Geschichte und Gegenwartsforschung“ befasste sich – auch mit Blick auf die deutsch-jüdische Nachkriegsgeschichte – mit diesen Entwicklungen und warf einen interdisziplinären Blick auf Probleme, Herausforderungen sowie Möglichkeiten und Chancen, die mit diesem Wandel einhergehen.
Die Sektion „Quellen, Daten, Kontexte“ präsentierte die am IGdJ begleitend zu den Digitalisierungsprojekten im Hamburger Staatsarchiv und den Jerusalemer Central Archives for the History of the Jewish Peoplein entwickelte Webseite zur virtuellen Zusammenführung eines geteilten Archivs. In beiden Häusern wird das Archiv der historischen jüdischen Gemeinden Altonas, Hamburgs und Wandsbeks aufbewahrt. Die Geschichte der Teilung wiederum ist eng verbunden mit der Gründungsgeschichte des IGdJ. Impulsvorträge zu ethische und rechtliche Herausforderungen bei der digitalen Bereitstellung von Quellen zur jüdischen Geschichte und zum Nationalsozialismus, dem Portal „Dehmel Digital“ und der digitalen Edition der Nürnberger Nachfolgeprozesse (DigiNMT) gingen größeren Fragen für die digitalen Geisteswissenschaften nach: Wie verändert sich die archivalische Arbeit und welche neuen Nutzungsmöglichkeiten ergeben sich durch die Digitalisierung für die Forschung, wo liegen aber auch Grenzen und Herausforderungen?
Die Sektion „Internationale Flüchtlingserfahrungen und ihre Auswirkungen. Neue Forschungen zu NS-Verfolgung, Flucht und Vertreibung“ diskutierte Reaktionen auf die Fluchtbewegung von Jüdinnen und Juden aus NS-Deutschland, die Auswirkungen auf die Geflüchteten sowie die internationalen Bemühungen um eine „Lösung“ der Krise. Dabei wurde auch die Rolle von Hilfsorganisationen und das Mitwirken jüdischer Akteure an der Konferenz von Évian im Juli 1938 in den Blick genommen. Die Untersuchung von individuellen Wahrnehmungen der Fremde zeigte am Beispiel von Brasilien und dem britischen Mandatsgebiet Palästina, wie Emigrationsentscheidungen sowohl von politischen Bedingungen als auch von persönlichen Vorstellungen und medial vermittelten Bildern beeinflusst wurden.
Die Sektion „The Figurative Constration of the ‘Imagined Jew’” reflektierte den theoretischen Rahmen der Bindestrichidentitäten. Mit Blick auf Großbritannien wurde argumentiert, dass Identitätsentwürfe von Geflüchteten und Überlebenden der Shoah nicht bloß individuelle Bewältigungsmechanismen darstellten, sondern als aktive Instrumente der politischen Imagination fungierten. Untersucht wurde ebenso die Entwicklung in Lettland von den späten 1940er Jahren bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion und Konstruktionen des „Imagined Jew“ an der Schnittstelle von Kreml-gesteuertem Antisemitismus und lokalen historischen Narrativen. Für Spanien wurde den Stand der historiografischen Studien zur Geschichte des iberischen Judentums in der Zeit nach dem Sieg der Franco-Anhänger im Spanischen Bürgerkrieg analysiert. Der Vortrag legte dar, dass die moderne spanische Schule der Hebraistik auf theoretischen Prämissen aufbaute, die zuvor von spanischen Arabisten etabliert worden waren.
Graphic Recording: Anne Lehmann
Das Konferenzprogramm mit Details zu den einzelnen Beiträgen und den Namen der Mitwirkenden findet sich hier: