Das lange 19. Jahrhundert, Jüdische Religionsgeschichte, Jüdisches Bauen

PD Dr. Andreas Brämer, Dr. Viola Rautenberg

Gefördert durch PRO*Niedersachsen (2008-2016)

Im Jahr 2010 feierten progressive jüdische Kultusgemeinden in aller Welt den 200. Jahrestag des 1810 in Seesen eingeweihten „Jacobstempels“, der ersten eigens errichteten Reformsynagoge. Dieses Datum nahmen die Bet Tfila – Forschungsstelle für jüdische Architektur in Europa (Technische Universität Braunschweig) und das IGdJ zum Anlass, die von Niedersachsen ausgehenden Anfänge der Reformsynagogen und ihre Verbreitung von Deutschland über die angrenzenden Länder und Amerika in einem Kooperationsprojekt zu erforschen. Im beginnenden 19. Jahrhundert war es die Generation Israel Jacobsons (1768–1828), Gründer der jüdischen Freischule und des Tempels in Seesen, die mit einer Reform des Gottesdienstes neue liturgisch-funktionelle Voraussetzungen für den Synagogenbau schuf: Bestimmte architektonische Merkmale machen eine Synagoge zum „Reformtempel“, sie zeugen von den Überzeugungen ihrer Erbauer sowie von den Möglichkeiten, die die christliche Mehrheit den Darstellungen jüdischen Selbstbewusstseins einräumte. An verschiedenen Orten in Niedersachsen lassen sich sowohl Wandlungen im religiösen Leben der jüdischen Gemeinden als auch in ihrer sozialen und kulturellen Identität ablesen: Neue Synagogen sprechen dafür ebenso wie die Reform des jüdischen Schulwesens, wofür neben Seesen auch die Freischulen in Hannover und Wolfenbüttel zu nennen sind. Früh breiteten sich die neuen Ideen in kleineren Orten Niedersachsens aus. Mit einer Rabbinerversammlung 1844 in Braunschweig gingen von hier wichtige Anregungen für die Reform aus, die in Deutschland, Europa und den USA rezipiert wurden.