Prof. (em.) Dr. Monika Richarz ist einer Pionierin der deutsch-jüdischen Geschichtsforschung, Trägerin des Moses Mendelssohn Awards des Leo Baeck Instituts und ehemalige Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden. Dank ihrer großzügigen Schenkung konnte der aufgelegten Monika Richarz-Fonds – Forschungen zur Jüdischen Frühen Neuzeit am IGdJ eingerichtet werden, der neue Impulse in der Erforschung des deutschsprachigen Judentums in der Frühen Neuzeit setzen will.

Regelmäßig schreibt das IGdJ Fördermöglichkeiten durch den Monika Richarz-Fonds aus. Die Ausschreibungen regen explizit zu Forschungen zur Jüdischen Frühen Neuzeit an, d.h. zu einer Epoche, in der bedeutsame demographische, religiöse, soziale und politische Entwicklungen stattfanden und sich grundlegende Veränderungen in jüdischen Lebenswelten und Kulturen abbildeten. Neben den innerjüdischen Entwicklungen ist diese Epoche auch durch tiefgreifende Verschiebungen der Möglichkeiten und Funktionen für und von Jüdinnen und Juden in den jeweiligen Staaten und Gesellschaften gekennzeichnet. Dazu zählen u.a. die „Judenpolitik“ und „Judengesetzgebungen“ einzelner Herrscher, die kirchliche Judenfeindschaft wie auch der christlich-jüdische Austausch und sich etablierende ökonomische wie auch intellektuelle Netzwerke. 

Im Rahmen des Monika Richarz-Fonds – Forschungen zur Jüdischen Frühen Neuzeit sollen innovative Fragestellungen und neue methodische Ansätze gefördert werden. Wert gelegt wird auch auf die Erschließung neuer Quellen, darunter vor allem die Quellen der jüdischen Gemeinden im Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg

Derzeit läuft keine Ausschreibung. Informationen zur Bewerbung auf Förderung durch den Monika Richarz-Fonds veröffentlichen wir zu einem späteren Zeitpunkt.

 

Folgende Projekte werden durch den Monika Richarz-Fonds – Forschungen zur Jüdischen Frühen Neuzeit gefördert.

Dr. Johannes Czakai ist Historiker und seit 2022 als Post-Doc an der Hebräischen Universität Jerusalem (The Martin Buber Society of Fellows und Franz Rosenzweig Minerva Research Center for German-Jewish Literature and Cultural History). Nach seinem Studium in Berlin, Potsdam und Krakau war er zunächst Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Selma-Stern-Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Im Jahr 2020 schloss er seine Promotion am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin ab. Seine Interessens- und Arbeitsschwerpunkte sind die Frühe Neuzeit, Namen, Konversionen, Genealogie, Spionage sowie Kunst- und Sepulkralkultur.

Seine Dissertation Nochems neue Namen. Die Juden Galiziens und der Bukowina und die Einführung deutscher Vor- und Familiennamen 1772–1820 erschien 2021 in der Reihe „Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden“ des IGdJ und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hedwig Hintze Preis des Verbands der Historiker und Historikerinnen Deutschlands. Im Anschluss arbeitete er zusammen mit der Literaturwissenschaftlerin Dr. Kathrin Wittler an dem von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderten Forschungsprojekt Joel Jacoby (1811–1863). Ein Seitenwechsler der Emanzipations- und Restaurationszeit

 

Projekt: Border Crossers and Neighbours. Jewish-Christian Conversions in Early Modern Silesia (1600–1812)

In meinem Buchprojekt widme ich mich der Geschichte des frühneuzeitlichen Schlesiens im Spiegel von Konversionen von Juden zum Christentum. Ziel ist es, jüdisches Leben und jüdisch-christliche Glaubenswechsel in einem konfessionell gemischten Gebiet zu untersuchen, das von verschiedenen geographischen und kulturellen Grenzen geprägt war. Mit einem besonderen mikrohistorischen Fokus wird das Projekt ausgewählte individuelle Lebensläufe beleuchten, um übergreifende strukturelle Wandlungsprozesse in dieser Grenzregion zwischen den Kulturen, Sprachen und Konfessionen sichtbar zu machen und Schlesiens Rolle als Bindeglied zwischen Ost und West hervorzuheben. 

Die Förderung durch den Monika Richarz-Fonds ermöglicht es mir, wichtige Forschungsreisen u.a. in Archive in Frankfurt am Main, Wrocław und Philadelphia durchzuführen, deren Quellenbestände für mein Forschungsprojekt unerlässlich sind. Darüber hinaus freue ich mich aufgrund der Anbindung an das IGdJ darauf, den Digital Humanities-Aspekt meines Projekts voranzubringen, insbesondere in Bezug auf die von mir erstellten Datenbanken. 

Dr. Magdaléna Jánošíková is Assistant Professor of Jewish Studies at the University of Amsterdam (UvA), where they teach in the MA Jewish Studies program, BA Hebrew Studies program, and are involved in the development of the undergraduate program. They are a co-convenor of the Empowering Language platform at UvA, which seeks to advocate for and promote the importance of language learning in the age of AI. A historian of European Jewry between 1550 and 1800, they work on the history of knowledge, the body, health and medicine, and on the materialities of text and archive, across the Hebrew, Latin, Yiddish, German, Polish, and Ruthenian corpora of early modern Europe. They received their doctorate from Queen Mary University of London (2020) and subsequently held postdoctoral positions at Ben-Gurion University of the Negev in the ERC project ‘Jewish Translation and Cultural Transfer in Early Modern Europe’, led by Iris Idelson-Shein, received a Polonsky Academy Fellowship at the Van Leer Jerusalem Institute, and the Primo Levi Fellowship at the Katz Center for Advanced Judaic Studies, University of Pennsylvania.

Publications include articles in Isis, The Jewish Quarterly Review, and The European Journal of Jewish Studies. They co-translated Eliezer Eilburg: The Ten Questions and Memoir of a Renaissance Jewish Skeptic (with Joseph M. Davis; Hebrew Union College Press, 2020), and guest-edited a special issue on premodern Jewish healthcare in The Journal of Jewish Thought and Philosophy (2025, with Andrea Gondos). They are currently completing their first monograph Odd Man Out: Jewish Physicians, Medical Labour, and Text in Late Renaissance Europe.

 

Project: Epistemic Agency and Crisis in Early Modern German Jewry. Hazard, Authority, and the Construction of Expertise, c. 1550–1750

With the support of the Monika Richarz-Fonds, I will examine how Ashkenazi communities in the German lands came to authorize knowledge about the body: who could be trusted to handle whose body, on what grounds, and with what consequences when that trust failed. Rather than asking which Jews attained expertise through extra-Jewish institutions, and thereby treating the university as the threshold event of Jewish knowledge, the project asks how Jewish communities and their members constituted, contested, and transmitted expertise on their own terms, and how these terms reflect the changing norms concerning evidence, testimonies, and facts. Hazard—epidemic, obstetric, iatrogenic—serves as the lens through which these cultures of knowing become legible. 

Hamburg, Altona, and Wandsbek offer the densest documentary record for this inquiry: the contracts, ordinances, and case records governing physicians, barber-surgeons, midwives, and other body-workers preserved in the Staatsarchiv Hamburg and the AHW holdings, read alongside the polemical literature that turned Jewish practitioners into public suspects at precisely the moment when licit and illicit practice were newly codified by the civic medical order. Thanks to the support of the Monika Richarz-Fonds parts of this work can be pursued in Hamburg institutions, whose holdings allow the transregional Amulettenstreit of 1750–1751 to be read not only as a theological and cultural rupture but as the culmination of a century-long Ashkenazi practice of examination, attestation, and public adjudication.

Dr. Uta Lohmann studierte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, an der Freien Universität Berlin und an der Hebräischen Universität Jerusalem Judaistik und Germanistik. Nach ihrem Magisterabschluss war sie für die Berliner Festspiele sowie für das Zentrum für Antisemitismusforschung tätig, bevor sie an der Universität Hamburg wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem erziehungswissenschaftlichen Projekt zur historischen Rekonstruktion der Berliner jüdischen Freischule wurde. Hier war sie unter anderem auch für Editions-Projekte erziehungsprogrammatischer Schriften jüdischer Aufklärer tätig. 

Ihre Dissertation verfasste Uta Lohmann über den jüdischen Aufklärer David Friedländer. Nach ihrer Promotion leitete sie das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt „Analyse der Beziehungen zwischen Haskala und Neuhumanismus, Edition bildungsprogrammatischer Werke David Friedländers und seines Briefwechsels mit Wilhelm von Humboldt“. Gemeinsam mit Dr. Kathrin Wittler leitete sie von 2020 bis 2024 das ebenfalls von der DFG geförderte Editionsprojekt Joel Bril Löwe: Die Breslauer Schulschriften im Kontext. Sie war 2019 und 2020 Fellow am Maimonides Center for Advanced Studies der Universität Hamburg sowie 2022/23 Visiting Research Fellow am Franz Rosenzweig Minerva Research Center for German-Jewish Literature and Cultural History der Hebräischen Universität Jerusalem. Uta Lohmann ist Mitherausgeberin der Schriftenreihe Jüdische Bildungsgeschichte in Deutschland.

 

Projekt: Moses Mendelssohn und die Haskala in Hamburg (Ausstellungs- und Forschungsprojekt)

Mit dem Ausstellungs- und Forschungsprojekt wird nicht nur einer der bedeutendsten Philosophen der deutschen Spätaufklärung und der prominenteste Vertreter der Haskala, der jüdischen Aufklärung, gewürdigt. Es sollen auch Mendelssohns vielfältige freundschaftliche und familiäre Beziehungen zu Hamburg untersucht und der Öffentlichkeit aufgezeigt werden. Die in der Ausstellung zusammengetragenen Objekte werden diesen spezifischen Teil der Hamburger Geschichte erzählen, illustrieren und in den Kontext der jüdischen Aufklärungsbewegung und des frühen Reformjudentums stellen. 

Zentrales Anliegen ist zudem die Vermittlung der Bedeutung der Haskala als jüdische Modernisierungs- und Bildungsbewegung mit überregionalen Netzwerken, die von Berlin ausgehend Einflüsse auch auf das jüdische Geistesleben im Hamburger Raum hatte. Im Rahmen der Ausstellungserarbeitung werden diese Einflüsse und Nachwirkungen detailliert erforscht. Dabei soll auch deutlich gemacht werden, dass das in Hamburg entstandene Reformjudentum seine Wurzeln in der Haskala hatte – Aspekte, die in der Forschung bisher kaum berücksichtigt wurden. 

Tim Friedrich Meier M.A. promoviert am Lehrstuhl für Neuere und Neuste Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

 

Projekt: Vom Herrschaftsinstrument zum gesellschaftlichen Politikum. Juden und ihre politische Bedeutung in Preußen zwischen absolutistischen Staat und aufklärerischer Öffentlichkeit 1671–1786

In meiner Dissertation untersuche ich den Aufstieg der jüdischen Emanzipation zum zentralen Politikum der bürgerlichen Gesellschaft. Erste Bausteine sowohl eines projüdischen Liberalismus, als auch eines säkularen Antisemitismus entstanden dabei bereits in den komplexen Aushandlungen der absolutistischen Judenpolitik Preußens. Zwischen Herrscher, Beamten, Ständen und der jüdischen Community entwickelte sich ab 1671 ein säkularer, am politisch-ökonomischen Nutzen orientierter Verhandlungsstil, der religiöse Argumente nur versteckt zuließ. Diese politische Diskussionskultur katapultierten Christian Wilhelm Dohm, Moses Mendelssohn und andere Publizisten ab 1781 in eine breite aufklärerische Öffentlichkeit und verwandelten so die politische Stellung der Juden von einer staatsinternen Verwaltungsfrage in eine heiß diskutierte Stellvertreterdebatte über die Zukunft der noch jungen bürgerlichen Gesellschaft. Indem sie jedoch die Zukunft der Juden mit der Zukunft der gesamten Gesellschaft verbanden, animierten sie auch ihre Gegner, die alte, religiöse Judenfeindschaft mit ökonomischen, fiskalischen, kulturalistischen und rassischen Argumenten neu zu legitimieren und mit autoritären Vorstellungen von Staat und Gesellschaft zu verbinden. So schufen sie die Grundlage des modernen Antisemitismus als “kulturellen Code” (S. Volkov) einer exklusiven deutschen Gesellschaft. 

Meine Arbeit verfolgt diesen langen Weg von den macht- und wirtschaftspolitischen Konflikten des Absolutismus bis zum gesellschaftlich breit diskutierten Politikum der Judenemanzipation und zeichnet dabei die Argumentationsstrategien nach, mit denen die verschiedenen Akteure ihre Positionen im Kontext der jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Ordnung zu legitimieren versuchten. So wird nicht nur gezeigt, wie Dohm und seine Mitstreiter die seit Jahrhunderten selbstverständliche Ausgrenzung der Juden mit Hilfe aufklärerischer Gedanken aushebelten, sondern auch, wie sich die latent verbreitete Judenfeindschaft an diese Kritik anpasste und am Ende selbst den Anspruch auf Rationalität und Aufklärung erhob.