Das lange 19. Jahrhundert, Migrationsgeschichte, Nationalsozialismus und Schoah - in Geschichte und Wirkung

Dr. Kim Wünschmann in Kooperation mit Prof. Dr. Monica Rüthers, Ilay Halpern M.A. (Universität Hamburg)

Ein Pogrom kam selten überraschend. Sowohl die Zeitpunkte als auch die Abläufe dieser Gewalteskalationen waren hochgradig ritualisiert – in der Forschung ist gar die Rede von einem „pogrom script“, einem regelrechten Drehbuch der Pogromgewalt. So waren etwa Feiertage wie Ostern/Pessach seit dem Mittelalter eine vorhersehbare Ballungszeit von gewaltsamen Übergriffen auf Jüdinnen und Juden. Dabei stellten die Ankündigung und das Reden über ein kommendes Pogrom bereits eine essenzielle Phase der Gewaltunternehmung dar. Sie schüchterten die jüdische Bevölkerung ein, trieben einen Keil zwischen jüdische und nichtjüdische Nachbarn und Nachbarinnen und versetzten die künftigen Angreifer und Angreiferinnen in eine gewalttätige Stimmung. Im Gegensatz zum Überfall war daher für das Pogrom das Leben in einer Phase der konkreten Erwartung ein zentrales Charakteristikum.

Dieses Teilprojekt der Forschungsgruppe „Gewalt-Zeiten. Temporalitäten von Gewaltunternehmungen“ nimmt diese Erwartungen des Pogroms auf jüdischer Seite gezielt in den Blick. Auf welche Weise antizipierten jüdische Gemeinschaften diese spezifische Form der Gewalt? Wie wurde die Zeitspanne zwischen den ersten Gerüchten und dem prognostizierten Moment des Gewaltausbruchs genutzt, um dessen Folgen abzumildern? Und wie ließ sich die leidvolle Erfahrung in effektive Abwehrmaßnahmen übersetzen? Denn die Antizipationsphase war keineswegs nur ein Zeitraum angstvollen Abwartens. Sie konnte auch ein Ermöglichungszeitraum sein, in dem sich die Bedrohten unter Rückgriff auf frühere Erfahrungen aktiv auf die bevorstehende Gewalt vorbereitete, durch Verzögerung, Verhandlung und handfeste Gegenwehr. Die Täterseite hatte wiederum ein gänzlich anderes Zeiterleben; sie agierte weitaus kurzfristiger und situativer.

Untersucht werden diese Praktiken anhand von drei Pogromwellen im russländischen Reich um die Wende zum 20. Jahrhundert sowie antijüdischer Gewaltausbrüche im Deutschland der 1920er und 1930er Jahre. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich die Gewaltantizipation im Laufe der Zeit veränderte und zudem je nach Milieu unterscheiden konnte. Zionisten und Zionistinnen oder Bundisten und Bundistinnen beispielsweise wollten antijüdische Gewalt nicht mehr erdulden, sondern ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. In Fortführung der kämpferischen Tradition der Makkabäer organisierten sie ihre Selbstverteidigung. Andernorts wurde versucht, die erwarteten Schäden des Pogroms durch Verhandlungen und Geldangebote zu lindern, bevor dieses überhaupt begonnen hatte.

Die konkrete Form der Antizipation soll dabei auch als Ergebnis früherer Pogromerfahrungen untersucht werden, die nicht unbedingt die eigenen sein mussten. So trugen die osteuropäischen Pogrome zu einem enormen Migrationsschub nach Westeuropa bei, insbesondere auch nach Deutschland. Rund 20 Prozent der hier ansässigen Jüdinnen und Juden nach dem Ersten Weltkrieg hatten einen solchen Migrationshintergrund. Das Forschungsprojekt fragt, inwiefern es hier zu einem Erfahrungstransfer kam, und wie dieser die Form der Gewaltantizipationen deutscher Jüdinnen und Juden veränderte.

Der Antizipation der Pogromgewalt sowie möglichen (Dis)Kontinuitäten des Gewaltverständnisses  widmet sich das Forschungsprojekt von Ilay Halpern M.A. mit Blick auf drei Phasen von Pogromen zwischen 1881 und 1921. Eine wichtige Grundlage stellt dabei das Elias-Tcherikover-Archiv dar, das eine Vielzahl zeitgenössischer Berichte über diese Gewalttaten versammelt und sich heute im YIVO Institute in New York befindet. Im Verbund mit den Projektleiterinnen Prof. Dr. Monica Rüthers und Dr. Kim Wünschmann sollen zudem beide Schauplätze hinsichtlich der temporalen Deutungsmustern der ost- wie westjüdischen Akteuren und Akteurinnen, Zionisten und Zionistinnen wie Nichtzionisten und Nichtzionistinnen vergleichend analysiert werden.

Das Forschungsprojekt organisiert eine internationale Konferenz zum Thema „Experiences of Violence and Notions of Temporality in Jewish History“ im Warburg-Haus, Hamburg vom 27. bis 29. März 2023. Bis 31. August 2022 läuft die Bewerbungsfrist. Zum Call for Papers geht es hier.